KW 13: ICH BIN WÜTEND!!!

Ich bin wütend! Sauwütend! Und geschockt! Immer wieder aufs Neue geschockt von der Gewalt gegen Frauen. In alten, bekannten und neuen Formen. Perfide, machtbesessene, gierige, besitzergreifende, übelste Gewalt! Strukturelle Gewalt! Psychische Gewalt! Physische Gewalt! Sexuelle Gewalt! Digitale Gewalt.

Und wann immer eine Frau es wagt, öffentlich zu machen, welche Gewalt sie erlebt hat, setzen sofort Reflexe ein, immer dieselben Reflexe. Ich kann sie nicht mehr hören – und vor allem: ICH WILL SIE NICHT MEHR HÖREN!!! Sie kommen vor allem von Männern und – leider – auch von Frauen.

  • Es gilt aber die Unschuldsvermutung – die gilt übrigens im juristischen Prozess, nicht im Privaten, nicht in der Öffentlichkeit.
  • Man darf niemanden vorverurteilen.
  • Wer weiß, ob das alles stimmt.
  • Frauen, die so etwas erzählen, wollen nur Aufmerksamkeit.
  • Die wollen ihre Männer zerstören.
  • Das ist nur Rache, weil der Mann sie verlassen hat.
  • Der Feminismus ist schuld.
  • Warum ist sie nicht früher gegangen, wenn angeblich alles so schlimm war?
  • Was sind das für Mütter, die zulassen, dass ihre Kinder so ein Bild vom eigenen Vater bekommen?

Und so weiter und so fort, die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Mein absoluter – Achtung: Ironie – Lieblingssatz: Aber nicht alle Männer! Das mag sein – und tut doch null und nichts zur Sache!

Das, was in den letzten Tagen durch die Presse ging, ist auf so vielen Ebenen erschütternd, grausam und entsetzlich. Und es darf nicht sein, dass wir hier irgendwelche Entschuldigungen oder Abschwächungen zulassen. Morgen ist es eine andere Frau und ein anderer Mann – denn es gibt unendliche viele Frauen, die so etwas erleben.

Und: Gern wird dabei übersehen, dass dies übelste Auswüchse sind, aber das Grundproblem – die patriarchale, strukturelle Gewalt in diesem Land – bereits viel früher und schleichend beginnt.

Wie oft habe ich im Lauf meines Lebens erlebt, dass

  • in einer Gruppe aus Frauen und Männern Blondinen Witze oder sexuelle Witze über Frauen erzählt wurden – und alle außer mir haben gelacht. Wurde ich gefragt warum ich nicht mit lache? Nein! Was hörte ich, wenn ich gesagt habe „ich empfinde das nicht als Witz, sondern als eine Abwertung von Frauen? Was denkst DU, ja DU, wie die Antwort lautete? Wahlweise: „Du bist eine Spaßbremse“ oder „Ha, die Emanze hat gesprochen!“ Was meinst DU, ja DU: Wie viel Unterstützung bekam ich von den anwesenden Frauen? 0,0! Ganz genau: KEINE! Höchstens hinterher, unter vier Augen, wenn es sonst niemand mitbekam.
  • Ich hörte „für eine Frau hast du das gut gemacht.“
  • Ich an der Brust angefasst wurde – mitten in der Stadt im Vorübergehen – und nicht alle dieser Männer hatten einen Migrationshintergrund.
  • Ich als hysterisch oder zickig bezeichnet wurde, wenn ich gesagt habe „Ich will nicht, dass du so mit mir redest!“
  • Ich mit Blicken ausgezogen wurde und eindeutige Angebote bekommen habe – ohne irgendein Zeichen meinerseits, dass ich irgendwie interessiert wäre.
  • Ich, wenn ich widersprochen habe, gehört habe: „Es ist ein Wunder, dass eine wie du einen Mann abbekommen hat!“
  • Ein Arbeitsvorschlag von mir abgetan oder übergangen und eine Viertelstunde später als bahnbrechend gefeiert wurde, weil ein Mann aus der Gruppe meinen Vorschlag eingebracht hat.
  • Sich in vollen Bussen, Zügen oder Straßenbahnen Männer an mich gepresst haben, viel näher als es notwendig gewesen wäre.
  • Wie oft ich, in einem Gespräch mit einem Mann, meinen Wohlfühlabstand korrigieren musste, da mir der Mann immer wieder so nah auf die Pelle gerückt ist, dass ich zu ihm aufschauen musste?

Auch diese Aufzählung ließe sich fortsetzen und ich behaupte, dass es keine Frau gibt, die solche oder ähnliche Verhaltensweisen nicht kennt. Und wieder die Frage: Was glaubst DU, ja DU, wie oft da von anderen Männern eingegriffen oder widersprochen oder für mich als Frau Partei ergriffen wird? Ja, genau – meiner Erfahrung nach 0,0 Mal. Allerdings kam auch hier der ein oder andere Mann hinterher zu mir, um mir zu sagen, dass das nicht okay war oder es ihm leidtue für mich. Aber nie, niemals geschah das im Beisein anderer Männer – und dann nützt es auch nie.

All das „SCHÜTZT DIE TÄTER!“

Und da, genau da, fängt die strukturelle, patriarchale Gewalt an. Beim Wegschauen und beim Weghören. Beim Schweigen. Beim nicht eingreifen. Und jeder Mann, der heute sagt „Ich bin aber nicht so“ oder „Aber nicht alle Männer“ kann diesen Satz für sich behalten, es sei denn er macht ab jetzt den Mund auf und wird laut, wenn er sieht und hört wie Frauen abgewertet, kleingemacht, unterdrückt, objektifiziert und s**ualisiert werden. Und zwar gegenüber anderen Männern: Gegen Freunde. Gegen Kollegen. Gegen Männer aus der Familie. Gegen Fremde. Gegen Sportkameraden. Nur dann – und wirklich nur dann – ist dieses „Aber ich bin nicht so!“ ernst zu nehmen.

Und für Frauen gilt: Unterstützt Frauen, die über ihre Erfahrungen berichten und zweifelt nicht am Wahrheitsgehalt dessen, was sie erzählen, denn – gerade weil Frauen sofort niedergemacht werden, wenn sie über erlittene Gewalt sprechen – braucht es oft sehr lange, bis eine Frau sich überhaupt öffnen kann.

Im Sommer 1980 habe ich einen Film gesehen, der den Titel „Die Macht der Männer ist die Geduld der Frauen“ hatte. Das ist jetzt annähernd 46 Jahre her. Ich frage mich, wie viel Geduld wir noch aufbringen wollen?

 

ES IST GENUG! ES MUSS ENDLICH SCHLUSS SEIN MIT DIESER GEWALT!

 

 

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert