KW 3: Die Dämmerung ist ein Anfang

Auch dieser Text entstand am vergangenen Donnerstag beim „Schreiben im Café“

 

„Die Dämmerung ist ein Anfang!“ Ja, Sie haben richtig gehört. Für mich ist die Dämmerung ein Anfang.

„Aber“, höre ich, „die Dämmerung ist doch ein Ende und kein Anfang!“

Seien Sie versichert: ich verstehe Sie. Lang, vielleicht zu lang, habe ich ebenfalls so gedacht. Die Dämmerung habe ich als das Ende eines Tages gesehen- und, je schöner der Tag war, umso mehr kam sie mir in die Quere. Ich wollte sie nicht, denn sie setzte dem, was so schön, war ein Ende. Das ist menschlich- und, wissen Sie: Manchmal geht es mir auch heute noch so. Das ist in Ordnung, denn als Menschen dürfen wir schwanken: zwischen Überzeugungen. Zwischen wollen und können. Zwischen Realität und Wünschen. Das gehört zum Leben- und es zeichnet uns aus, denn es zeigt, dass das Leben nicht nur schwarz oder weiß ist. In diesem Bereich befinde ich mich mit meiner These die Dämmerung ist ein Anfang!

Sehen Sie, wenn es dämmert, legt sich ein Hauch von anders über den Tag. Die Geschäftigkeit geht langsam zu Ende. Bald schließen Geschäfte ihre Türen. PCs werden heruntergefahren. Gelder abgerechnet, Kassen verschlossen. Menschen begeben sich auf den Heimweg. Lassen- im besten Fall- die Arbeit bis zum nächsten Tag zurück. Andere wissen: Bald. Bald breche ich auf, die Nachtschicht ruft. Und egal, was die Heimkehrenden oder die Aufbrechenden erwartet: es ist anders als das vorher. Auch für die, die zu Hause mit Care-Arbeit beschäftigt sind, kündigt die Dämmerung einen Übergang an.

Sie könnten einwenden: aber es kommt auch das Gewohnte. Und damit haben Sie recht. Nur: wer sagt denn, dass das Gewohnte nicht neu gesehen werden kann? Oder gesehen werden darf? Kann ich nicht das, was ich kenne, anders erleben, anders wahrnehmen, weil ich mit dem Blick von heute darauf schaue und nicht mit dem von gestern oder vorgestern? Und: Wenn ich meinen Mantel aufhänge und die Schuhe zur Seite stelle- ist das nicht das ein Zeichen für einen Bruch? Einen Umbruch? Ein <zwischen vorher und nachher?>

Sehen Sie, deshalb ist die Dämmerung ein Anfang. Weil die Dämmerung uns eine Schwelle bietet. Einen Übergang. Ein dort und ein hier kennzeichnet. An mir liegt es, ob ich diese Schwelle wahrnehme. Ob ich kurz innehalte. Etwas zurücklasse und anderes bewusst beginne. Sicher, ich kann- und das kenne ich gut- von einem ins Nächste gehen: ohne nachzudenken, ohne durchzuatmen, ohne innezuhalten.

Was aber wäre, wenn ich- und wir alle- die Einladung der Dämmerung annehmen und kurz innehalten würden? Es wäre eine Zäsur, eine die mich und uns bewusster leben, bewusster wahrnehmen ließe- und das wäre wertvoll.

Wenn Sie mögen, nehmen Sie das Bild von der Dämmerung als Anfang mit. Probieren Sie es aus. Lassen Sie es auf sich wirken. Ich bin sicher, Sie spüren ein winziges <anders>. Und wenn Sie mögen, gehen Sie dem ein wenig nach und hören Sie zu, was die Dämmerung ihnen sagen will. Mir sagt sie: schau hin. Halt inne. Atme!

Ich wünsche Ihnen, dass Sie Anfänge entdecken, die Ihnen helfen, dem Leben Struktur zu geben. Eine Struktur, die Sie unterstützt, ohne Sie einzuengen.

Die Dämmerung ein Anfang? Ja, für Sie. Für mich. Für uns alle.

 

 

 

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Foto: © Erwin Grundler

 

 

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