#abcEtüde 44.45.22: Kann das sein?

„Bitte, Yvonne, ich brauche dich dringend. Nur noch dieses eine Mal!“ Das Flehen in der Stimme die Chefs kann Yvonne nicht überhören. Trotzdem ist sie sauer. Sie steht vor ihm. Die Arme verschränkt. Den Kopf hoch erhoben. Hüftbreit, auf beiden Füßen. Die Augen, in den sonst der Schalk blitzt, schauen ihn an. Fest. Durchdringend.

„Das sagst du seit Wochen, Chef. Aber es kommt jedes Mal ein wieder, ein weiter. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein Wochenende frei hatte oder im Hellen nach Hause gekommen bin. Ich kenne nur noch Büro, Bad, Bett – sonst nichts mehr. Das geht so nicht weiter. Am liebsten würde ich mit meiner Schildkröte in den Winterschlaf gehen.“

„Ja, weiß ich ja. Glaub nicht, ich wüsste nicht, was ich von dir verlange. Aber ich bin ja froh, dass wir Arbeit haben. Und wenn wir diesen Auftrag nicht kriegen, sehen wir alt aus!“

Yvonne nickt. „Ja, Chef, auch diese Rede kenne ich. Jedes Mal, wenn ich eingeknickt bin, kommt was Neues; immer nur noch dies und dann… Bloß, leider, kommt nie ein dann. Ich kann nicht mehr. Soll ich es dir Buchstabieren?“

Der Chef ringt die Hände. Er zieht ein blaukariertes Taschentuch aus der Tasche und wie sich die Stirn ab. „Bitte, Yvonne, mir steht das Wasser bis zum Hals. Und wenn dieser Deal nicht klappt, geht hier das Licht aus. Dann gibt es weder ein dreizehntes noch ein vierzehntes Monatsgehalt. Keine Bonizahlungen mehr. Keine Ausflüge und Wellness-Wochenenden mehr. Da fehlt dir ordentlich was, denn großzügig war ich immer – das musst du zugeben.“

Yvonne schüttelt den Kopf. „Das bestreite ich doch nicht! Aber, wenn ich die Arbeit nicht mehr schaffe und ausbrenne, dann haben wir beide nichts davon.“

„Wie du meinst“, sagt der Chef, dreht sich um und geht.

 

 

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Wie bringst Du die Wörter unter?

Foto: © Christiane (siehe unten)

 

 

Maximal 300 Wörter, die die Begriffe „Schildkröte, großzügig, flehen “ enthalten müssen. Die Idee stammt von hier: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/10/30/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-44-45-22-wortspende-von-fundevogelnest/

0 Kommentare
  1. Christiane
    Christiane sagte:

    Da frage ich dich: Wie kommt man aus so einer Situation wieder raus? Spontan würde ich sagen: noch jemanden einstellen, aber ich weiß, dass es oft keine Leute gibt … 🤔
    Bin gespannt auf deine Lösung.
    Morgenkaffeegrüße 🌤️🍁☕🍪🍂👍

    Antworten
    • mutigerleben
      mutigerleben sagte:

      Danke dir, liebe Christiane.
      Die Frage stellst du zurecht – und ja, mehr Personal ist eine gute Lösung. Meist allerdings nicht die, die gesucht wird.
      Beim Schreiben dachte ich „Wenn sie weiß, was für sie gut ist und was ihr wichtig ist, bleibt ihr nur die Kündigung“. Mir ist allerdings bewusst, dass das natürlich auch nicht immer geht.
      Abendgrüße zu dir
      Judith

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