Freitag, 17. April 2020

09.05 Uhr – Frisch gestrichen

Im Hausgang riecht es nach Farbe. Das letzte kleine Stück des unteren Flurs wird heute gestrichen. Dann sind Wohn- und Esszimmer, Küche, Treppenhaus und zwei Flure frisch. Es wirkt gleich viel heller, ist mir aufgefallen. Ich bin froh, dass es heute fertig wird – notwendig war es.
Deshalb werde ich heute noch den „Jahreszeitentisch“ (der eigentlich ein Schrank ist) dekorieren. Das hatte ich mir bewusst offengelassen, denn ich wusste, dass das Streichen noch aussteht. Aber jetzt, jetzt freue ich mich darauf. Ist doch der „Jahreszeitentisch“ ein Ritual, das ich seit vielen Jahren pflege. Es bindet mich ein ins <So ist es>!

10.45 Uhr – Die Farben rufen

Heute bin ich wieder dem Ruf der Farben gefolgt. Inzwischen liegen Block, Pastell- und Wachskreiden stets malbereit auf dem Tisch in der Praxis.
Wenn ich zurückdenke, wie ich vor vielen Jahren mit den Pastellkreiden zu malen begonnen habe, fällt mir ein großer Unterschied auf: Damals habe ich überlegt, welche Farben auf das Bild sollen und wie es aussehen soll oder könnte.
Heutzutage bin ich weiter. Ich greife nach der Farbe, die mich gerade anzieht. Dann lege ich los. Ohne eine Idee. Sehen, was kommt. Die Sicherheit, dass etwas kommt, die ist da. Und dann ist es, was es ist. Meins!

13.40 Uhr – Ein Päuschen

Ich bin satt. Vom Mittagessen ebenso wie vom Telefonat mit meiner Freundin M. Sich auszutauschen über dieses und jenes, Fragen zu stellen, sich zuzuhören, vom anderen Leben zu erfahren – das war erfrischend (für sie hoffentlich auch).
Ich lehnte mich zurück. Die Espressotasse in der Hand, ließ ich meinen Blick schweifen. Über das frische Baumgrün. Zu den weißen Häusern des Wohngebiets. Zum See. Grausilberblau liegt er dort. Eine glatte Fläche, die den blau-weißen Himmel spiegelt. Der See ist unberührt.
Und vor mir am Geländer das silberne Glitzern eines Spinnenfadens in der Sonne.
Der Wind kühlt, was die Sonne wärmt.
Mein Päuschen.

22.15 Uhr – Wochenende

Wieder ist eine Woche vorüber. Ich fand, sie ging langsamer vorbei als meine Arbeitswochen. Aber vielleicht habe ich mich an die Pause bereits so gewöhnt, dass ich es nicht mehr merke.
Was ich aber bemerke, ist Folgendes: Werde ich nach den Plänen für mein Wochenende gefragt (oder überlege ich selbst, was ich mache), dann fällt mir auf, dass sie sich verdammt ähneln. Es gibt keine große Abwechslung mehr. Ich stricke, lese, schreibe, gehe spazieren, schaue einen Film, telefoniere. Das alles mag ich. Die Verlangsamung tut mir gut. Gleichzeitig fühlt sich das aber tatsächlich auch ein wenig nach „Engführung“ an.
Hm?

2 Kommentare
  1. Seelenstreusel
    Seelenstreusel sagte:

    Liebe Judith,
    so nervig dieses Virus und all die Dinge, die es mit sich bringt, sind, so dankbar bin ich ihm andererseits auch für die Entschleunigung in so vielen Bereichen. Natürlich fehlen Familie, Freunde und Bekannte, aber ich finde es auch ganz schön, einfach nur das zu tun, wonach einem der Sinn steht (lesen, backen, malen …), wenn keine Verpflichtungen rufen.
    Ich hoffe, dass die Menschheit auch danach noch versteht, dass es nicht immer höher-schneller-weiter sein muss, sondern vieles auch langsamer möglich ist.
    Ich wünsche dir ein wunderschönes Wochenende,
    Karina

    Antworten
    • mutigerleben
      mutigerleben sagte:

      Liebe Karina,
      danke dir.
      Das, was du schreibst, das kann ich alles unterschreiben. Ich sehe es genauso.
      Und ich hoffe auch, dass etwas übrigbleibt. Glaube aber, das wird entscheidend darauf ankommen, wie es weitergeht. Wenn die Stimmung kippt, weil zuviel kaputtgeht, dann bezweifle ich, dass das Gute bleibt.
      Wir werden es sehen – und sowieso kann ja jede und jeder nur für sich selbst etwas daraus machen.
      Herzliche Grüße
      Judith

      Antworten

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