Für Frau Piepenkrog

Guten Tag, liebe Frau Piepenkrog,

vor genau drei Wochen habe ich mich zuletzt bei Ihnen gemeldet. Denken Sie bitte nicht, ich hätte Sie vergessen. Das habe ich nicht. Im Gegenteil: Jeden einzelnen Tag in diesen Wochen habe ich an Sie gedacht. Das hat mir überraschend gut getan.
Sie haben recht: Ihre Fragen sind wie ein Stachel. Er sitzt tief. Lässt sich nicht herausziehen. Bewegt sich geschmeidig mit. Erinnert mich an meine Aufgabe.
Eine erste Antwort will ich Ihnen heute geben. Sie stellten mir die Frage: „Wer sagt Ihnen denn, Sie dürften nicht auffallen?“
Heutzutage – da haben Sie recht – sagt mir das niemand mehr. Ich habe das bloß mein Leben lang geglaubt, weil ich es als Kind so gelernt habe. So wurde das zur Wahrheit für mich, die ich nie hinterfragt habe (auch wenn ich, zugegebenermaßen, manchmal schon gespürt habe, dass das nicht die Wahrheit ist). Jetzt beginne ich langsam, „neu“ zu denken. Und, beim Denken soll es ja nicht bleiben, auch neu zu handeln.
Wissen Sie, was ich neulich deswegen gemacht habe? Ich habe einen halbhohen schwarzen Pumps und einen braunen Halbschuh angezogen, als ich einkaufen gegangen bin. Zunächst war mir sehr unwohl. Ich dachte, alle starren mich an und ich habe mir überlegt, was die über mich denken. Dann aber hatte ich plötzlich Ihr Bild vor Augen, wie Sie mit dem Müllbeutel über dem grünen Hut unterwegs waren. Sie wirkten so souverän. Da habe ich mir einen Ruck gegeben. Habe den Kopf erhoben. Mich aufgerichtet und bin den ganzen Vormittag durch die Stadt gehumpelt. Eine einzige Frau hat mich angesprochen. „Sie“, hat sie gesagt, „wissen Sie, dass Sie zwei verschiedene Schuhe tragen?“
Ich habe sie ganz freundlich angeschaut. Sie angelächelt. Dann fing ich an zu lachen und sagte: „Ich weiß!“ Und flugs marschierte ich davon. Abends war ich sehr stolz auf mich. Das hat mir Mut gemacht. Mut gemacht, weiter zu üben. Mut gemacht, mich auch Ihren anderen Fragen zu stellen. DANKE.
Was sagen Sie dazu, Frau Piepenkrog?

Seien Sie herzlichst gegrüßt
Ihre
Amanda Spökensiel

PS: Wollen wir uns nächste Woche auf einen Kaffee in der Stadt treffen? Ich lade Sie ein.

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