Geschlechtergerechte Sprache und Gender

Heute habe ich bei Instagram einen Post gelesen, in dem sich Menschen zum Thema GENDER ausgelassen haben. Ich war darüber erschrocken, wie einseitig die vielen verschiedenen Beiträge waren – und wie negativ. Ich fühlte mich augenblicklich an die Debatte um eine „Frauengerechte Sprache“ erinnert. Seit inzwischen 30 Jahren bemühe ich mich – wie viele andere Menschen auch – um eine Sprache, die alle einschließt und nicht Menschen ausschließt. Dass wir heute wieder ähnlich debattieren wie damals in den 70-er, 80-er und 90-er Jahren, bestürzt mich. Möglicherweise haben diejenigen, die so ablehnend sind, noch nie die Erfahrung gemacht, ausgegrenzt zu werden. Ausgegrenzt zu werden, nur weil sie eine Frau sind. Das heißt aber keineswegs, dass es diese Ausgrenzung nicht gibt.

Wir reden gerade über 100 Jahre Frauenwahlrecht und leben in einer Zeit, in der Frauen immer noch Rechte abgesprochen werden, nur weil sie Frauen sind – und in der es Tendenzen gibt, Frauenrechte wieder zu begrenzen und zurückzufahren – auch in unserem Land. Deshalb ist es für mich wichtig, auch zum Thema „GENDER“ nicht zu schweigen.

Hier einige Gedanken zum Thema:

Wie gut, dass das Thema GENDER endlich auch zu Taten führt. Es war lange überfällig.  Ja, die anderen Sprach- und Schriftformen – vgl. <m/w/d> – mögen unsere Sprache verändern, aber das Deutsch, das wir heute sprechen, ist ja nicht schon immer so gewesen. Es ist vielmehr über lange Zeiträume und durch viele, zunächst ungeliebte und bekämpfte, Veränderungen entstanden. Ich bin davon überzeugt, dass dies irgendwann völlig normal sein wird.

Deutsch als Männersprache
Deutsch ist eine Männersprache, das ist nichts Neues – zumindest über lange Zeit hinweg ausschließlich gewesen. Der Arzt, der Lehrer, der Bäcker, der Handwerker – all das sind männliche Sprachformen und über Jahrhunderte waren nur diese gültig. Das gibt es sogar heute noch manchmal: Unlängst habe ich von einer kleinen Grundschule gehört, dass „Die Lehrer morgen einen Ausflug machen“. Die Grundschule hat aber nur Lehrerinnen. Weshalb soll, darf, kann ich das dann nicht benennen?
Seit 2012 habe ich einen „Plastikausweis“ in dem steht „Unterschrift der Inhaberin/des Inhabers“. Das gibt es noch nicht seit ewiger Zeit, denn früher, daran erinnere ich mich gut, stand in meinem Pass „Der Inhaber dieses Passes ist Deutscher“ – was sachlich definitiv falsch war und ist.

Was nicht benannt wird, kommt im Denken nicht vor.
Hier ein sehr eingängiges Beispiel: Als ich jünger war, war häufig die Rede von den „Vätern des Grundgesetzes“. Wenn ein Mensch diesen Satz hört, hat der Mensch unbewusst sofort das Bild eines Mannes vor sich – so tickt unser Gehirn nun mal. Macht doch einmal die Probe und fragt die Menschen in eurem Bekanntenkreis, ob Frauen an der Erarbeitung des GG mitgewirkt haben. Auf meine diesbezüglichen Fragen bekomme ich auch heute noch in ca. 85-90% ein NEIN zur Antwort. Das ist definitiv falsch; dabei handelt es sich nicht um versteckte Informationen, die nur bestimmten Menschen zugänglich wären. Aber das macht Sprache eben auch: Wenn die Frauen nicht erwähnt werden, dann existieren sie nicht. Auf diese Art und Weise wird Sprache auch zum Ausdruck von Macht (oder besser: Machtmissbrauch).

„Ihr seid doch immer mitgemeint“ – ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz in meinem Leben schon gehört habe. Und nein, ich habe mich bei der Anrede „Liebe Brüder…“, den ich so oft bei der Kirche gehört habe, noch nie mitgemeint gefühlt.
Zudem habe ich einmal sehr eindrücklich erlebt, wie ein Mann darauf reagiert hat, dass er nur mitgemeint war. Wie sagte der damals: „Wir sind die Männer und haben damit das Recht, als Mann ausdrücklich angesprochen zu werden!“ Frauen auch – kann ich da nur sagen.

Und schließlich: Ich bin eine Frau, ich bin gern Frau und ich bleibe Frau – genauso, wie mein Mann Mann bleibt – trotz Genderdebatte oder -sprachform. Denn es geht ja gerade nicht darum, dass wir nicht mehr Frau oder Mann sein dürfen und zum ES werden – wie es einige der Schreibenden dort so nett bezeichnet haben. Nein, darum geht es nicht.

Vielmehr geht es endlich darum, dass kein Mensch mehr auf Grund seines Geschlechts diskriminiert wird, wie das über Jahrhunderte hinweg der Fall war – und leider auch heute oft noch ist. Nicht nur in fremden Kulturen übrigens.

Ich bin davon überzeugt, dass das< sichtbar machen> der Geschlechter in der Sprache ein Weg zu mehr Gerechtigkeit ist und damit auch zu mehr Frieden. Zuallererst aber ist es ein Schritt hin zur Gleichwertigkeit.

Dies zu erreichen ist für jeden Staat und jede Gemeinschaft überlebensnotwendig. Ich mache deshalb die Türen weit auf und lasse den Wind der Veränderung herein, damit das Leben sich weitet.

 

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Wie denkt Ihr über die GENDER Debatte?


Foto: Erwin Grundler, Überlingen-Aufkirch

 

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