KW 3: Vergebung oder jemandem etwas vergeben
Vorab- damit keine Missverständnisse entstehen: Dies ist kein wissenschaftlicher Text. Der Text gibt meine persönliche Meinung wieder, die sich im Lauf der letzten Lebensjahrzehnte entwickelt hat. Zum einen, weil ich mich für meinen Seelenfrieden mit dem Thema beschäftigt habe, zum anderen, weil das Thema im Beratungskontext immer wieder vorkommt. Wer das Thema anders sieht, darf das gern tun- für sich!
In den Raunächten 2025/2026 befasste ich mich wieder mit 12 unterschiedlichen Themen, eines davon: Vergebung/jemandem etwas vergeben. Und, obwohl ich weiß, dass das- nicht nur für mich- ein schwieriges Thema ist, habe ich es vorgeschlagen und weitergegeben- und mich selbst wieder damit befasst. <Warum machst du das?>, höre ich Lesende fragen- und ich antwortete: weil es ein wichtiges Thema ist! Gleichzeitig ist es ein heikles Thema- und eines, das oft falsch verstanden wurde und immer noch wird. Nachfolgend ein paar- für mich (aber nicht nur) – sehr wichtige Aspekte zum Thema.
- Vergebung heißt nicht Versöhnung. Ich kann jemandem etwas vergeben- und dennoch den Kontakt zu diesem Menschen abbrechen, wenn er mir nicht guttut (wg. andauernder Grenzverletzungen z.B.).
- Wenn ich jemandem vergebe, dass ich durch ihn/sie z.B. emotionale Gewalt erfahren habe- bleiben die Verantwortung und die Schuld für diese Gewalt trotzdem bei meinem Gegenüber. Meine Vergebung ändert nichts am Handeln des Gegenübers. Ich entscheide mich nur, für mich eine andere Haltung einzunehmen.
- Vergebung ist etwas, dass ich für mich tue- nicht für die/den anderen. Ich mache mich damit von einer Last frei. Einer Last, die mir nicht guttat oder guttut, eine Last, die mich einengt, die mich kleinmacht.
- Jemandem etwas zu vergeben, heißt nicht, dass ich ihm/ihr damit erlaube, weiter übergriffig zu sein und meine Grenzen zu verletzen. Ich habe jederzeit das Recht, Grenzen zu setzen und meine Grenzen zu schützen- das ist unabhängig von jeder Vergebung.
- Vergebung ist schwer. Sie fällt uns nicht in den Schoß, sondern sie will erarbeitet werden. Deshalb funktioniert sie nicht auf Knopfdruck. Sie wird auch dadurch erschwert, dass es so viele falsche Ideen von Vergebung gibt.
- Vergebung kann niemand von mir einfordern. Im Höchstfall kann jemand darum bitten.
- „Als gute Christin musst du vergeben können- und zwar alles!“ Das habe ich lange gehört und es ist- mit Verlaub- Unsinn. (Gern wurde mir dann der Bibelvers „auch die andere Wange hinhalten“ vorgehalten). Im besten Fall pflege ich, als gute Christin, Werte wie Mitgefühl, Menschlichkeit, Empathie, Selbst- und Nächstenliebe. Das sind Grundlagen, die mir helfen können, etwas zu vergeben. Allerdings: Vergebung ist nicht einfach nur da, weil ich mitfühlen kann. An diesem Punkt hat die katholische Kirche- über Jahrhunderte hinweg- dazu beigetragen, ein falsches Bild von Vergebung zu vermitteln- sehr zum Schaden vieler Menschen. Gerade Frauen litten und leiden darunter. Wie sagte doch, vor ca. 12-15 Jahren im Rahmen eines Glaubenskurses (es ging um das Vaterbild Gottes), ein Vikar zu mir: „Wenn eine Frau ihrem Vater einen sexuellen Missbrauch nicht vergeben kann und deshalb ein Problem mit dem Vaterbild Gottes hat, dann hat sie noch nicht genug gebetet!“ Das ist auf so vielen Ebenen völlig falsch- da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll- aber das ist ein anderes Thema, das ich hier nicht vertiefen will. Damals äußerte ich laut meinem Protest, wurde aber von dem Vikar und zwei Frauen des Glaubenskurses abgewürgt.
- Vergebung braucht Zeit, die darf ich mir nehmen und geben.
- Vergebung hat zwei Richtungen: Ich kann anderen vergeben und ich kann mir selbst vergeben. Bevor ich jemandem vergeben konnte, dass er mich immer wieder kleingemacht hat, musste ich mir erst selbst vergeben, dass ich das zugelassen habe.
- Vergebung braucht eine Auseinandersetzung mit mir selbst, mit meinen Gefühlen, mit meinen Denkmustern und Glaubenssätzen und mit meinem Handeln- und es braucht Verständnis für menschliches Handeln.
Zusammengefasst
Vergebung ist ein vielschichtiges Thema. Eines, das sorgsam zu behandeln ist. Eines, das nicht dazu taugt, im Schnellverfahren abgehandelt zu werden. Und nicht zuletzt: Vergebung ist immer eine freie Entscheidung einer betroffenen Person! Immer! Punkt!
Wie siehst du das – und wie gehst du mit dem Thema um? Schreibe es auf, ich bin sehr gespannt und freue mich, wenn ich teilhaben darf.
Einen guten Start in die neue Woche wünsche ich dir.
Foto: © Erwin Grundler


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