„Mittendrin statt nur dabei“ – Schreibmonat

  1. 25 Was kreucht und fleucht

 

Die Natur ist ein Wunder. Eine Binsenweisheit? Gewiss. Und doch: Immer wieder stelle ich das fest. Neulich saß ich nach dem Frühstück noch am Tisch. Das Essen war abgeräumt, der Tisch noch nicht abgeputzt. Ich schaute lieber in die Weite beziehungsweise in mein Buch. Abwechselnd. Da kam eine Biene angeflogen. Ich sah sie aus dem Augenwinkel. Las weiter. Eine Biene ist eine Biene ist eine Biene …

Aus dem Augenwinkel sah ich noch eine Bewegung. Ich hörte auf zu lesen- sah über den Tisch. Da saß die Biene und hatte einen Brötchenkrümel gefunden. Sie wollte ihn mitnehmen. Er war zu groß. Sie bewegte sich auf der Tischdecke vorwärts. Millimeter für Millimeter. Den Krümel immer fest im Griff. Wenn es nicht mehr ging, hielt sie an und nahm ihn anders. Es dauerte, bis sie die zirka 12 cm Tisch hinter sich hatte. Dann saß sie an der Tischkante. ich sah den hellen Krümel unter ihrem Körper leuchten. Sie schob bin hin und her. Eine Minute. Zwei Minuten.

Plötzlich hob sie ab. Flog los. Ich verlor sie aus den Augen. Ob sie den Krümel nach Hause brachte? Ich weiß es nicht.

Was ich weiß:  Ich durfte einem Wunder beiwohnen. Wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen:  Sie hat, wie ein Mensch, einen Plan gemacht. Da sie aber kein Mensch ist, ist das unmöglich. Dennoch geschah es nicht einfach so, es steckte zumindest Erfahrung dahinter. Ich bin noch immer fasziniert davon und dankbar für die Lehrstunde in Geduld, Ausdauer und Kreativität.

 

 

 

Was kreucht und fleucht um dich herum?

Foto: © Erwin Grundler

 

 

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