Sonntag, den 22. – Dienstag, 24. März 2020

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Die Idee des „Corona-Tagebuchs“ stammt von hier corona-blog.at 

 

Sonntag, 22. März

22.30 Uhr
Der Sonntag ist vorbei. Fast. Ich sitze wieder und stricke. Inzwischen sind 349 Maschen auf meinen Nadeln. Wie gut, dass die Wolle leicht ist, ansonsten wäre das Strickstück ziemlich schwer. Erst 50 Gramm Wolle habe ich dafür gebraucht und jetzt ist schon gut zu sehen, wie mein Tuch wächst. Die Reihen zu zählen hilft, wenn die Gedanken auf Wanderschaft gehen.
Inzwischen bin ich seit sieben Tagen nicht mehr draußen gewesen – außer auf dem Balkon und am Briefkasten. Bislang geht es, wobei, ein kurzer Spaziergang wäre schon auch etwas. Das werde ich mir für die kommende Woche vornehmen. Vorfreude ist gut.

Montag, 23. März

10.15
Die Sonne scheint. So stehe ich leichter auf. Ich merke, ich will besser auf die Struktur des Tages achten, zu leicht laufe ich ansonsten Gefahr, mich zu vertrödeln. Termine habe ich ja keine – außer „In-House“ und für mich allein.
Wann meine Arbeit wieder losgeht? Und ob überhaupt? Und in welcher Form? Manchmal macht mir die Frage Angst. Andererseits kann ich jetzt ausprobieren, wie „Rente“ geht. In einem Jahr ungefähr wäre es soweit – wenn ich Angestellten-Status hätte. Gelingt es mir, diese Zeit als einen Testlauf zu betrachten? Erste Weichen zu stellen? Wenn ja, dann hätte diese Zeit auch ihr Gutes. Vielleicht!

17.30 Uhr
Die Sonne vergoldet die Bäume vor meinem Fenster. Das Wasser des Sees ist aufgewühlt, dunkel, dem starken Wind geschuldet.  Drüben, am gegenüberliegenden Ufer, sehe ich die Bergkette der Schweizer Alpen. Schneefelder leuchten weiß in der Abendsonne.
Ich lasse den Tag Revue passieren. Ich habe gearbeitet. Langsam, stetig. Manches nimmt Form an – anderes (noch) nicht.
Dann hebe ich den Kopf. Lasse den Blick wandern. Ein Spaziergänger kommt die <Alte Straße> herauf. Allein. Viel weiter unten fährt ein Auto. Dort, wo sich sonst um diese Zeit eine endlose Autoschlange durchs Wohngebiet windet.
Das Abendlicht leuchtet noch immer. Eine Fähre quert den See.

18.30
Ich denke an die, die wie ich, jetzt drinnen sind. Es gut haben, weil sie nur für sich verantwortlich sind. Die, die nicht schon wieder ihren Kindern erklären müssen, weshalb es diese Einschränkungen gibt – ohne sagen zu können, wie lange sie noch bleiben.
Ja, ich habe es gut. Ich weiß es. Und dennoch ist es merkwürdig. Der „physische“ Abstand zu unserer Tochter, die für uns eingekauft hat, tut mir fast körperlich weh. Mein Kopf weiß „Es ist so!“ Ich akzeptiere es auch. Trotzdem taucht hin und wieder der Gedanke auf „Nein, ich will das nicht!“
Hilft nicht, darf aber sein.

Dienstag, 24. März

13.37 Uhr
Gerade habe ich die beiden letzten Einträge von gestern in mein >Corona-Büchle> geschrieben. Dabei fiel mir auf, dass mir das Beobachten dessen, was draußen vor sich geht, guttut. Da gibt es so viel Unterschiedliches.
Zum anderen habe ich entdeckt, dass mich die Zeit zuhause ein wenig an Urlaub erinnert. Aber dann meldet mein Handy ursprünglich für heute geplante Beratungen, Vorträge und Seminartermine. Ich hatte sie nicht gelöscht, weil ich ja weiß, dass sie nicht stattfinden. Jetzt aber ist jeder entsprechende Ton eine Erinnerung daran, was nicht geht. Und wieder taucht die Frage auf, ob es wohl weitergeht. Später. Danach. Irgendwann.

18.27
Heute schrieb eine Freundin, sie habe sich eine „Seelenkur“ verschrieben. Was sie damit meint: Nur noch eine eingeschränkte Beschäftigung mit all dem, was mit <Corona> zu tun hat. Sie schreibt: „Mir geht es besser!“ Ja, das kann ich nachvollziehen. Ich habe bereits am Samstag damit begonnen, mich nur noch beschränkt und auf seriösen Seiten zu informieren. R. schreibt, das wäre <keine Ignoranz>. Sie hat recht.
Ich weiß es: Vorwiegend negative Nachrichten zu hören, zu sehen, zu lesen – das schadet. Der Lebensfreude. Dem Staunen. Der Zufriedenheit. Dem Glauben an das Leben auch. Und, sowieso und gerade, dem Glauben an sich selbst.

23.08 Uhr
Ich sitze auf dem Sofa. Alles ist still. Nur das Tick-Tack der alten Wanduhr ist zu hören. Normalerweise ist das die Zeit, in der die Gedanken aufploppen. Um Beachtung buhlen. Sich nach vorne drängeln. Normalerweise. Heute dürfen sie rangeln, wenn sie wollen. Meine Aufmerksamkeit bekommen sie nicht mehr. Sie hatten sie schon.
Ich blicke zurück auf diesen Tag. Was habe ich getan? Gesagt? Gespürt? Gewollt? Gehofft? Gedacht? Gesehen? Sonne. Wind. Schritte im Treppenhaus. Warten auf einen Anruf. Gelesen. Geschrieben. Gemalt. Mich über eine neue Followerin gefreut und über die neuen Sofas. Nichts Neues also. Nur ein Tag Leben. Einfach so.

23.59 Uhr
Von meinem Platz auf dem Sofa kann ich das Leuchten der Sturmwarnung sehen. Es blitzt orangegelb ins Dunkel. Schnell. Ansonsten spiegelt sich die Wohnzimmerlampe im Fenster. Es schlägt Mitternacht.
„Corona kam still“, geht es mir durch den Kopf. Kein Sturmwarnlicht, das blitzte und blinkte. Nein, eine unsichtbare Bedrohung. Nur ihre Auswirkungen sind zu sehen. Diese Gedanken beschäftigen mich. Ausgelöst von orangegelbem Blinken. Dann sehe ich ihnen beim Verschwinden zu. Mir fällt der Spruch ein: „In der Mitte der Nacht, ist der Anfang eines neuen Tages“. Vor vielen Jahren hing der als Poster in meinem Hausgang. Wo das Bild hingekommen ist?

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