Übergang

Mittwoch. Der letzte Arbeitstag meines Mannes. Über 48 Jahre war er in ein und demselben Betrieb, jetzt beginnt die Rente.

Seit Monaten sprechen wir davon. Haben im Sommer schon einmal freie Zeit ausprobiert. Aber die Rente war immer noch weit weg. Bis gestern. Nun ist es Realität. Ich empfinde diesen Übergang als einen sehr einschneidenden Lebensabschnitt. Für ihn sowieso, für mich und uns auch.

Deshalb war es mir wichtig, dass er einerseits sehr intensiv und bewusst Abschied nimmt. Den Abschied gestaltet. Rückschau hält. In der Rückschau den Entwicklungen seines Berufslebens nachspürt.

Andererseits ist es mir auch wichtig, das Neue würdig zu begrüßen. Die Übergangszeit einzuläuten, statt in sie hineinzuschlittern. Darum sind wir, gleich nachdem er nach Hause kam, zu einem Mittagessen nach Sipplingen gegangen. Das Wetter war traumhaft, Novemberfrühling. Wir saßen nahe am See. Die Sonne wärmte uns durch die Fensterscheibe hindurch, warf Glitzersterne aufs Wasser. Licht und Schatten wechselten sich ab, ließen die Blätter der Trauerweide gelb leuchten oder stumpfgrün aussehen. Wir beide genossen das Essen, die freundliche Bedienung, den Ausblick, die Wärme und die Sonne.

Als wir gingen, fotografierten wir den Ausblick, den wir von unserem Tisch aus hatten. DSC_2285Das Bild schien mir ein Symbol für diesen Übergang zu sein. Bewusst wurde mir, dass das Gewachsene bleibt. Fest verankert in der Erinnerung. Durchlässig und beweglich, stabil und sicher. Weite und Stille wird es geben, Schatten und Licht, Nähe und Distanz. Alles zu seiner Zeit und manches erwünscht, anderes gefürchtet. Manches wird abgeworfen werden wie die braunen Blätter der Trauerweide. Ausharren können wird dazu gehören. Ausharren, wie der Vogel auf dem Holzpfahl. Warten. Gestalten. Handeln. Werden lassen auch. Und immer wieder gibt es Lichtmomente, die anziehen, wärmen, mit Freude erfüllen.

Ich habe für mich gespürt, dass ich mit diesem Bild den Übergang annehmen kann. Dass ich Vertrauen und Stärke darin finde. Dass Zuversicht und Vertrauen wachsen können. Ich will der Übergangszeit begegnen mit dem Ahnen: Es wird sich finden. Ich darf mir und uns Zeit geben.

 

Wie gehst Du mit Übergängen und Übergangszeiten um?
Was ist Dir dabei wichtig?

Foto: Erwin Grundler, Überlingen-Aufkirch

 

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