Wenn das Vertrauen ein etwas schusseliger Engel wäre, was würdet ihr zusammen erleben?

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Das war eine Frage im Schreib-Experiment zur Fastenzeit von Susanne. Heute kommt der (längst) versprochene Text (besonders auch für Dich, Sabine).

 

Ich schloss die Tür hinter mir. Wandte mich nach rechts. Ging zügig los. Der Zug würde nicht auf mich warten. „He, du, warte auf mich“, rief etwas und zupfte an meiner Jacke. Ich schaute hinunter, sah nichts. „Guck doch genauer, du!“, hörte ich die Stimme wieder. Sie klang wie das Summen einer Biene. Wieder zupfte es an meiner Jacke. Ich blieb stehen. Hob den Arm. Schaute ganz genau. Ja, jetzt sah ich ein Glitzern.

„Bist Du eine Elfe“, fragte ich.“Pff!“ Das Wesen klang entrüstet. „Das fehlte noch. Eine Elfe. Nein, ich bin ein Engel. Präziser: dein Engel. Der des Vertrauens“. Ich guckte. „Aha. Und, was willst du?“, fragte ich. „Na, mit dir gehen. In solchen Zeiten werden wir gebraucht.“
Ich sah auf die Uhr. „Aha“. Etwas anderes fiel mir gerade nicht ein. „Dann komm. Es eilt.“ Ich beschleunigte. Der Engel flog vor mir her. Kam zurück. Flog weg. Kam wieder zu mir. <Platsch>. „Aua“. Ich rieb mir die Nase. „Entschuldige bitte“. Der Engel streichelte mir mit seinem Flügel über die Nase. Leider erwischte er dabei die Brille. Ich sah ihr hinterher. „Tschuldigung, wollte ich nicht“, nuschelte er. Er flog hinunter, holte die Brille, brachte sie mir wieder. Während ich sie putze, flog der Engel Kreise um meinen Kopf.
„Wenn ich du wäre, würde ich zwischendrin mal die Richtung wechseln, sonst …“. <Plumps>. Der Engel war abgestürzt. Ich hob ihn auf. Setzte ihn auf meine Hand. „Bisschen übermütig, scheint mir. Alles ok?“ Er nickte. „Ne, ne, nicht übermütig, ein wenig schusselig. War ich schon immer.“ Er kicherte. „Komm jetzt und pass auf dich auf“, antwortete ich.

Der Zug stand abfahrbereit im Bahnhof. Ich stieg schnell ein. Kaum war ich die Stufen oben, war der Engel weg. „Komme gleich wieder“, hörte ich nur noch. Ich fand einen Platz neben der Tür. Setzte mich. Schaute mich um. „Verflixt, wo ist er denn jetzt schon wieder?“, überlegte ich. „Im Türbereich bitte zurücktreten“, klang es aus den Lautsprechern. Nichts passierte. Der Zug stand. Die Türen waren offen. Wieder kam die Durchsage. Wieder passierte nichts. Ich stand auf. Ging zur Tür. Pflückte ihn von der Lichtschranke.

„Mensch, was machst du denn. Am besten bleibst du jetzt bei mir!“ Er schüttelte den Kopf. „Langweilig. Langweilig“, sang er vor sich hin. Drehte sich zweimal um seine eigene Achse und Schwupps, war er fort. <Rumms>, das Buch flog meinem Gegenüber aus der Hand. Der Engel streifte eine Frau, die mit vollem Kaffeebecherdurch die Türe kam und der Kaffee ergoss sich über den Boden. Er flog weiter. Stieß gegen ein Fenster. Der Rückstoß ließ ihn auf der Glatze des Mannes landen, der neben dem Fenster saß. Der Engel rappelte sich auf. Hob ab. Er flog einer Frau, die ans Fenster gelehnt döste, kleine Kreise um die Nase. Grinste, als sie ihn mit der Hand fortwedeln wollte. Dann flog er zu einem Kind. Er hockte sich auf den Tisch. Sah ihm beim Spielen zu. Das Kind holte eine Rolle Smarties aus seinem Rucksack. Leerte sich einige in die Hand. Jetzt hüpfte der Engel näher. Mit einem Satz saß er in der Hand des Kindes. Die Smarties kullerten auf den Boden. Erst schaute der Engel ihnen nach. Dann spielte er ein wenig Fußball mit ihnen. Und dann flog er weiter. So lange, bis er sich in den Dreadlocks einer jungen Frau verfing.
Der Engel zappelte. Zog. Zerrte. Nichts. Er saß fest. Ich stand auf. Lief zu der jungen Frau. Hielt mich an der Rückenlehne fest. Ein fester Griff. Einmal ziehen. Fertig. Ich hatte den Engel in der Hand. „Aua, was soll das?“, fragte die Frau. „Entschuldigung, ich bin ins Wanken gekommen und habe danebengegriffen“, antwortete ich. Ich ging zurück zu meinem Platz. „Sag mal“, fragte ich den Engel, „bist du immer so drauf?“

„Ich habe doch gesagt, dass ich schusselig bin. Aber egal. Mir ist nichts passiert. Und ich bin das gewöhnt. Ab und zu bekomme ich blaue Flecken. Oder eine Beule. Hin und wieder habe ich einen Riss im Flügel. Aber immer, wirklich immer, stehe ich auf und mache weiter. Immer!“, murmelte er, bevor er an meiner Schulter einschlief.

Ein Hauch von Flieder umhüllte mich.

 

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Was würdest Du mit Deinem Engel erleben?

Foto: © Grundler, Überlingen

4 Kommentare
    • mutigerleben
      mutigerleben sagte:

      Danke dir, liebe Sabine.
      Ich mag ihn auch – hat ne Weile gedauert bis er „zur Welt kam“ – und jetzt nochmal ’ne Woche, bis ich die Geschichte in den PC geschrieben habe.
      Liebe Grüße
      Judith

      Antworten

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